T R A K E H N E R
I N   B A Y E R N

Züchterbrief zum Jahreswechsel




Meine Damen und Herren,
liebe Trakehner Freunde und Züchterkollegen,


das Jahr 2011 ist fast vorüber. Es war für die Trakehner Züchterschaft ein ereignisreiches Jahr mit Höhen und Tiefen. Ich denke dabei an die Bestandszahlenentwicklung, die Bundeschampionate, die Hengstleistungsprüfungen, Sporterfolge, den Hengstmarkt 2011, die Vermarktungsinitiativen, die finanzielle Situation unserer Zuchtorganisation, aber auch die der einzelnen Züchter und an die Diskussion über die Tätigkeit und Ergebnisse der Arbeitsgruppe „Rodgau“.

Wir alle wissen, dass sich die wirtschaftlichen, die gesellschaftspolitischen Entwicklungen in Deutschland, in Europa und weltweit auch auf die Pferdezüchter und ihre Verbände auswirken. Die Globalisierung hat auch sie erreicht. Der Verdrängungswettbewerb ist schon im Gange. Die Rahmenbedingungen für Pferdezüchter und Pferdehalter/Reiter sind deutlich ungünstiger geworden. Kurz: Pferde zu züchten oder Pferde zu halten ist erheblich teurer geworden. Die Preisentwicklung für Heu, Stroh und Hafer zeigen das deutlich.

Wir Züchter kämpfen zudem noch immer um unser Markenzeichen, den Elchschaufelbrand. Trotz schlüssiger Sachargumente unsererseits aus veterinärmedizinischer, seuchenhygienischer, finanzieller und kulturhistorischer Sicht haben wir die Verfechter des Schenkelbrandverbots gegen uns. Für viele Vertreter dieser Gruppe ist das Verbot eher eine Glaubensfrage bzw. eine Frage der ideologischen Positionierung. Dazu kommen noch die Diskussion um eine kommunale Pferdesteuer und die aktuelle HLP, die besonders eine blutgeprägte Zucht mit diesem Zuchtschätzwert einseitig benachteiligt.

Ich habe wiederholt in der Vergangenheit auf diese Problematik hingewiesen und gehofft, dass wir uns dieser Thematik rechtzeitig stellen und Antworten suchen, um Krisen- bzw. Umbruchzeiten besser zu überstehen. Nicht nur wir, auch die großen deutschen Pferdezuchtverbände machen sich Gedanken um eine dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit innerhalb Europas. Obwohl ihre Ausgangslage zahlenmäßig, züchterisch (genetisch) und finanziell ohne Zweifel eher positiver einzustufen ist als unsere.

Innerhalb Europas schaut man nach der Dressur-Europameisterschaft und aktuell der Rankingliste der erfolgreichen Sportpferde zunehmend auf Zuchtorganisationen, die sich als wettbewerbsfähiger als die unseren erwiesen haben. Und zwar in erster Linie nach Holland, Belgien und auch Dänemark. Speziell das niederländische Pferdestammbuch (KWPN) steht im Fokus des Interesses und man analysiert die dortigen Selektionsverfahren, Auswahl- und Prüfungsmodalitäten, die enge Verzahnung von Zucht und Sport und die Vermarktungsmodelle bzw. -aktivitäten.

Das sollten, das müssen wir auch tun, Positives übernehmen, Gutes weiterentwickeln, gleichzeitig aber auch nach eigenen Wegen suchen. Das ergibt sich für uns Trakehner schon aus unserer Geschichte, unserer Sonderstellung innerhalb der Reitpferdezuchten. Wenn wir unseren Trakehnerverband modernisieren, unsere Zucht wettbewerbsfähiger und damit zukunftsfähiger machen wollen, müssen wir alles auf den Prüfstand stellen. Es darf keine Tabus geben.

Der Verband, das heißt wir alle, brauchen mehr Mut als bisher, um klare und zukunftsorientierte Positionen zu vertreten. Wir brauchen einen breiten Dialog ohne Denkverbote unter Einbeziehung unserer Züchter. Das bedarf einer guten Kommunikation innerhalb unserer Verbandsstrukturen. Dispute auch mit Vertretern aus den eigenen Reihen müssen wir aushalten. Wenn jeder bei jedem Reformschritt darauf achtet, dass sich für ihn und sein Klientel nichts vermeintlich verschlechtert, wird sich nichts verändern.

Zusammengefasst:

Die Zukunft für unsere Trakehner Pferdezucht und damit unseren Verband gewinnen wir nur mit einer offenen dienstleistungs- und informationsorientierten sowie internationalen Ausrichtung

Dementsprechend müssen natürlich auch die Strukturen und die Organisationsform des Verbandes angepasst werden. Dazu gibt es aus meiner Sicht auch keine Alternative. Konzepte dafür sind prinzipiell angedacht. Wir müssen sie nur sortieren, optimieren, publizieren und gut vermitteln.

Die Züchter, wir alle, brauchen Orientierung und eine Vision für die Zukunft. Kompromisse reichen jetzt nicht mehr aus, um die Probleme in Zucht, Vermarktung, Finanzen, Organisation, Kommunikation, Kooperation mit den Töchterverbänden, bei der Reitorientierung bzw. dem Reiterzugang zu lösen.

Es genügt heute auch nicht mehr, sich auf kurzlebige Erfolgsparameter zu konzentrieren.

Wir brauchen eine langfristig angelegte strategische Gesamtkonzeption, die wir je nach Dringlichkeit Schritt für Schritt umsetzen sollten, ohne das Ganze, den „roten Faden“, aus dem Auge zu verlieren

Das ist der einzige Weg, um aus der Krise der verbandspolitischen Entscheidungsprozesse herauszukommen.

Wenn Unternehmen oder Verbände – wie der unsere – ihre Strukturen, ihre Organisationsformen und ihre Zuchtkonzeptionen fast ein halbes Jahrhundert nicht verändern, nicht der Zeit und den aktuellen Rahmenbedingungen anpassen, können sie dauerhaft nicht überleben. Wir wissen doch, nichts ist beständiger als der Wandel…

Inzwischen muss doch allen klar sein, dass wir enorme Weichenstellungen vor uns haben. Dazu sind wir alle gefordert, vom kleinen Züchter über die großen Zuchtstätten, die Gestüte bis hin zur Verbandsführung. Nur gemeinsam können wir diesen existenziellen Herausforderungen erfolgreich begegnen. Das ist auch eine Chance für die Trakehner Pferdezucht und unseren Verband. Wir müssen aber schnell handeln, sonst laufen wir wieder anderen hinterher. Noch haben wir es selbst in der Hand. Man kann in der Verbandspolitik viele Fehler machen. Der schwerste aber ist, zu spät zu kommen, von der Geschichte falsifiziert zu werden.

Ich wünsche mir einen Führungszirkel, ein Team, das für die dringend notwendigen Veränderungen steht, an Konzepten für die Zukunft arbeitet, offen für externe Anregungen ist, das Wege zur Umsetzung aufzeichnet und das Züchter/Reiter ermutigt, diese Wege im Interesse unserer Pferde mitzugehen. Letztlich kann es für die Verbandsführung nur eine Konsequenz geben: einfach gut zu führen, indem sie die Zeichen der Zeit erkennt, reagiert und ansonsten auf die Klugheit der Züchter vertraut.

Die Themen der Dezember-Sitzung des Gesamtvorstandes in Verbindung mit den Vorschlägen der Arbeitsgruppe „Rodgau“ und schon vorhandenen anderen sind vielleicht ein Anstoß, um endlich etwas in Gang zu setzen, um etwas planmäßig zu verändern. So gewinnen wir vielleicht unsere Handlungshoheit wieder, wir agieren und reagieren nicht nur auf äußeren Zwang und Druck. Wir alle sollten diese Chance gerade auch im Wahljahr 2012 offensiv nutzen, zum Wohl der Trakehner Pferde und der Menschen, die sie lieben und die sich ihnen verpflichtet fühlen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen alles Gute, Zeit zum Nachdenken und ein friedliches, erfolgreiches Jahre 2012, verbunden mit viel Glück im Stall. Ich hoffe, dass wir uns alle gesund und munter spätestens zu unserer Zuchtbezirksversammlung im März 2012 wiedersehen.

Herzliche Grüße

Ihr
Lutz Schubert