Als Johanna Maier im Jahre 2002 aus einer Laune heraus den Besitzer des Stalles, in dem ihr Pferd zur Pension stand, beim Transport eines jungen Pferdes in einen Ausbildungsstall begleitete, ahnte sie wahrhaftig nicht, dass ihr eine außergewöhnliche Begegnung bevorstand. Im Stall Fürstberger traf sie dann zufällig auf einen schicken Fuchswallach. Vierjährig. Und er sah ihrem eigenen Pferd sehr ähnlich. Sie interessierte sich für das Pferd. Auch er war hier in den Ernst eines Pferdelebens eingeführt worden – und er stand zum Verkauf. Sie ritt probe und war sehr angetan. Ihr Reitlehrer, dem sie ihre neue Bekanntschaft kurz darauf vorstellte, gab grünes Licht und bald war man sich mit dem Züchter und Besitzer handelseinig. Im August 2002 stand ganz ungeplant ein zweites Reitpferd für Johanna Maier im Stall.
Pedigree
Tolstoi junior ist, wie der Name schon andeutet, ein Sohn des Tolstoi. Und er sieht ihm so ähnlich, dass seine Reiterin auf Turnieren schon angesprochen wurde, ob sie denn nun den Hengst unter dem Sattel hätte. Der Kostolany-Sohn aus der Elitestute Tugend III v. Burnus AA, der mit zwei Körsiegern aus derselben Mutter für Furore sorgte, stand im Gestüt der Gutsverwaltung Schwaighof in Nordendorf bei Augsburg. Hier traf er auf die durch seine Vorgänger Santiago, Germane und Maharadscha geprägte Stutengrundlage. Unumstritten war der Fuchs nie, doch gehören einige Perlen der Trakehnerzucht zu seinen Kindern. Farinelli und Freudenfest etwa, die beiden Körsieger aus der Freundin IV v. Amadeus. Courage II und Casablanca, die beiden überragenden Töchter der Countess v. Santiago. Farinelli, Chianti Classico und Caruso in der Dressur, Kashigi im Springen und Karenin in Fahrprüfungen vertreten ihren Vater Tolstoi im Sport der oberen Klassen. Über seinen Sohn Freudenfest und seine Tochter Courage II ist Tolstoi bereits Hengstgroßvater – Shavalou gehört zu den viel beachteten jüngeren Hengsten und Chardonne wurde 2006 in Neumünster gekört.
Die Mutter des Tolstoi junior, Schöne Maid v. Alarm III, vertritt eine der wertvollsten und umfangreichsten Stutenfamilien der Nachkriegszucht, die der Dohna’schen Saaleck im Zweig ihrer Enkelin Schwarze Schwalbe. Mit Schöner Tag v. EH Tenor u.d. Schatztruhe v. Kurfürst u.d. Schwalbentreue v. Impuls, einer Vollschwester der Beschäler Schwalbenflug, Schwalbenzug und Schwalbenfreund, zog dieser Stutenstamm im Gestüt Schralling in Burgkirchen in Bayern ein. Schöner Tag und ihre Töchter sind nicht nur erfolgreiche Mütter geworden, sondern dürfen ihre Boxentüren auch mit zahllosen Preisplaketten von großen Schauen schmücken.
Schöner Tags Töchter Schöne Stunde v. Herbstruf und Schöne Welt v. Hockey sind in der Zucht bereits bewährt, Schöne Symphonie v. Polarpunkt war Reservesiegerin der 2-Jährigen auf der Landesschau, Siegerin ihrer Eintragung und steht mittlerweile in den USA in der Zucht. Schönheit II v. Schwadroneur gehörte bei der Eintragung 2005 zum Prämienlot. Schöner Tags Sohn Schalk v. Schwertträger ging im Vielseitigkeitssport, Scheward v. Hockey geht unter seiner Besitzerin Marion Geiger Dressur bis Klasse S. Schöner Tags Sohn Showtime v. Polarpunkt wurde im vergangenen Jahr über seine S-Erfolge in der Dressur unter Leonie Bramall gekört.
Schöner Tags 1986 geborene Tochter Schöner Morgen v. EH Arogno, Gesamtsiegerstute der Bayerischen Landesschau 1994, wirkt in der Zucht der Familie Meinen in Tann. Ihre Tochter Schöne Maid v. Alarm III ist auch Mutter des 2006 über die Auktion Neumünster verkauften Reitpferdes Servus v. Biotop, der im vergangenen Jahr in Großbritannien spektakuläre Erfolge in Jungpferdeprüfungen erzielte. Schöner Morgens Tochter Schöne Zeit v. Herzzauber stellte mit der schwarzen Schöne Welt III v. King Arthur im vergangenen Jahr eine der auffälligsten Prämienstuten in Bayern.
Mit Trakehnern durch dick und dünn
Johanna Maier war schon damals eingefleischter Trakehner Fan, Ingeborg von Seckendorff hatte sie zur Rasse gebracht. Auch Tolstois Vorgänger, ein Cesar-Sohn aus dem Stall von Ulrich Werchau, trug den Brand der doppelten Elchschaufel auf dem Hinterschenkel. 20 Jahre gingen die beiden durch dick und dünn – zunächst als Freizeitreiter und dann im Dressurviereck. „Natürlich sind die Pferde nicht immer einfach, aber so wollen wir sie doch“, sagt Maier. „Die haben eben Charakter, und wenn man sich einmal mit ihnen arrangiert hat, wird man zum eingeschweißten Team.“
Tolstoi junior hat natürlich auch seine Eigenarten, und gerade wegen dieser „Macken“ liebt seine Besitzerin ihr Pferd. Er sucht sich „seine Menschen“ sehr genau aus, von jedem mag der Fuchs sich nun wirklich nicht anfassen lassen. Kehrseite der Medaille ist, dass Johanna Maier gelegentlich außerplanmäßig in den Stall fahren muss – nämlich immer dann, wenn ihr Pferd dem Stallbesitzer mal wieder eine lange Nase zeigt und sich auf der Koppel nicht einfangen lässt ...
Johanna Maier ließ ihrem Tolstoi junior viel Zeit – zum einen ist sie durchaus der Überzeugung, dass jedes Pferd beim Anreiten in einem fremden Stall erstmal genug Stress hat, zum anderen musste sich ihr Ausbilder Josef Haag krankheitsbedingt eine längere Auszeit nehmen. Tolstoi junior ging viel Schritt und viel ins Gelände. „Geschadet hat das bestimmt nicht“, ist sich Maier sicher. „Schließlich will ich ihn ja auch mindestens 30 Jahre haben ...“
Als sie dann mit der ernsthaften Arbeit begann, merkte sie rasch, dass Tolstoi junior sich sehr anbietet. „Ich musste mich selbst bremsen, damit ich nicht zu viel von ihm verlange“, berichtet sie und schwärmt, dass die Arbeit mit ihm immer noch viel Spaß macht. Er hat eine tolle Ausstrahlung, was ihr Reiterkollegen und Turnierrichter immer wieder bestätigen – und einen überragenden Schritt.
So dauerte es nicht lang, bis sich erste Erfolge in Dressurpferdeprüfungen der Klassen A und L einstellten, dann auch in „richtigen“ A- und L-Dressuren. Ein Jahr musste Tolstoi junior wegen einer Verletzung dem Turnierbetrieb fernbleiben, dann ging es nahtlos weiter. 2007 reichte es für eine ganze Reihe von Siegen und Platzierungen in L-Dressuren auf Trense und Kandare. Zu Saisonende durfte er sich zum ersten Mal in der Klasse M versuchen, aber für eine Platzierung reichte es noch nicht.
In der Winterarbeit haben sich die beiden unter den gestrengen Augen von Josef Haag mit den fliegenden Wechseln befasst und an der Konzentration gearbeitet. Tolstoi junior ist nun mal ein Pferd, das die Abwechslung liebt – und zur Not auch selbst dafür sorgt. Haag ist derzeit mit seinen Schülern ebenso zufrieden wie Johanna Maier mit ihrem vierbeinigen Sportpartner – gute Aussichten also, dass man in der kommenden Saison wieder von Erfolgen des Teams aus Kirchseeon liest ...