WM-Teilnehmer Rathbawn Valet, ein im russischen Gestüt Kirow rein gezogener Trakehner, und die junge Irin Judy Reynolds
Russische Noblesse: Burgfräulein, genannt Buffy, ist seit fünf Jahren Judys Verlasspferd in der Kleinen Tour - die Stute brillierte erst anlässlich der Bayerischen Meisterschaft
| Auszug aus Judy Reynolds’ Erfolgsliste |
| 1999 |
EM Junioren, Schloss Achleiten/A, mit Saturday Night, beste Irin
2. Platz Finale um den „Silbernen Sporn“ mit Henry |
| 2000 |
EM Junge Reiter, Hartpury Castle/GB mit Saturday Night, beste Irin
Dressur-Festival Necarne, mit Henry, beste Reiterin unter 21 |
| 2001 |
EM Junge Reiter, Iserlohn/D |
| 2002 |
CDI*** Lippiza/SLO: 9. Prix St. George, 5. Intermédiaire I Kür mit Saturday Night
CDIY Achleiten/A: 7. Prix St. George Kür mit Saturday Night
EM Junge Reiter, Pratoni del Vivaro/I mit Saturday Night
CDIY Hickstead/GB: 8. Prix St. George Kür mit Saturday Night
Irische Dressurmeisterschaft, Cavan:
1. Intermédiaire I, 1. Prix St. George Kür, 2. Prix St. George mit Saturday Night
Irische Dressurmeisterschaft, Cavan:
1. Nachwuchs-Dressurpferde mit Pasadouble |
| 2003 |
Kleine Tour mit Burgfräulein, u.a.
CDI*** Fritzens/Österreich:
13. Prix St. George,
10. Intermédiaire Kür
CDI** Mondorf les Bains/Luxemburg:
17. Prix St. George, 12. Intermédiaire I |
| 2004 |
Verschiedene nationale Grand-Prix-Prüfungen
Piaff-Förderpreis
Dressurturnier Kreuth 3. Platz
mit Burgfräulein |
| 2005 |
15 Monate Turnierpause wegen Verletzung von Burgfräulein und Pferdesuche |
| 2006 |
erstes Turnier mit Valet in Österreich:
64,8% im Grand Prix
Sunshine Tour
Stadl-Paura/Österreich:
erste WEG-Qualifikation
Bern/Schweiz: 10. Platz Grand Prix Kür
Barzago/Italien: zweite WEG-Qualifikation
3. Platz Grand Prix Kür |
Wer mehr über Judy Reynolds wissen möchte, findet das auch auf ihrer Homepage (in Englisch)
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Zarte 25 ist das Mädchen – und weiß ziemlich genau, was sie will im Leben. Aber wenn jemand ein Musikstudium absolviert hat und Tanklastzüge fährt, passt das auch nicht in eine Schublade. Verwunderte Blicke kennt Judy Reynolds allerdings schon, seit sie sich im Land der Jagd- und Springpferde für das Dressurreiten entschied.
Den ersten Pferderücken erklomm sie mit vier – und böse Zungen behaupten, sie sei in ihrer ersten Reitstunde auf dem Pony eingeschlafen. Eine Ponykarriere, wie sie auf den Inseln nicht ungewöhnlich ist, schloss sich an. Die Erfahrung, die sie währenddessen auch bei Mannschaftseinsätzen sammeln konnte, kommt Judy heute noch zu Gute. Als Erfolgspony „Roodlebats Sinnitta“ sich überraschend fürs irische Winter-Dressurchampionat qualifizierte, musste professionelle Hilfe her. Und so kam Judy Reynolds mit 16 zu Gisela Holstein – vier Reitstunden brauchte die erfahrene Ausbilderin, um ihre neue Schülerin für den reinen Dressursport zu begeistern.
Bis zu ihrem 18. Geburtstag ritt Judy parallel Pony- und Dressurturniere, dann hatte sie ihre ersten Erfahrungen mit einem „richtigen“ Dressurpferd hinter sich. „Henry“ hieß der Gute, und er trug seine junge Reiterin u.a. 1999 zum 2. Platz im Finale um den „Silbernen Sporn“. 1999 war auch das Jahr, in dem Judy Heike Holsteins erfahrenen „Saturday Night“ übernehmen durfte, viermal hintereinander vertraten die beiden Irland bei den Dressur-Europameisterschaften (Junioren und Junge Reiter).
Was sie am meisten an diesem Sport fasziniert? „Die unterschiedlichen Charaktere und Temperamente der einzelnen Pferde. Es ist eine schöne Aufgabe, herauszufinden, auf welche Art ich sie dazu bewegen kann, das meiste für mich zu geben.“
Nach Abschluss ihres Musikstudiums entschied sich Judy Reynolds im Sommer 2002, Turniererfahrungen auf dem europäischen Festland zu sammeln. Und wohin, wenn nicht ins Mekka des internationalen Dressursports, sollte sie gehen? Seither trainiert sie neun Monate im Jahr bei Anna Merveldt im oberbayerischen Epfach bei Landsberg/Lech. Für drei Monate im Jahr geht es dann nach Hause, zu ihren Eltern, den beiden älteren Geschwistern und zu Freund Patrick. Zu Hause, das ist Rathbawn Stud in Kilteel in der irischen Grafschaft Kildare. Ein besonders bevorzugtes Fleckchen Erde auf der ohnehin von der Natur großzügig ausgestatteten „grünen Insel“. In Kildare nämlich liegt auch nicht ohne Grund das weltberühmte irische Staatsgestüt, aus dem schon so viele erfolgreiche Galopprennpferde kamen.
Und hier setzt sich die gebürtige Dublinerin wieder ans Steuer der Tanklastzüge des Familienunternehmens – Irlands einzige weibliche Tanklasterfahrerin heißt nämlich Judy Reynolds! „Klar gucken mich die Leute manchmal komisch an, aber ich liebe die Herausforderung beim Fahren. Und Laster sind bei weitem nicht so kompliziert wie Pferde“, lacht sie. Praktisch ist das obendrein – Judy fährt ihre Pferde selbst zu allen Turnieren ...
Derzeit setzt Judy Reynolds auf zwei russische Dressurpferde, den 12-jährigen braunen Wallach Rathbawn Valet und die 14-jährige dunkelbraune Stute Burgfräulein. Burgfräulein; die seit nunmehr fünf Jahren Judys Sportpartnerin für die Kleine Tour ist, ist eine veritable Nobeldame, leider ließ sich bislang über ihre Abstammung nichts in Erfahrung bringen. Ihre russischen Originalpapiere sind irgendwo auf dem Weg zwischen Züchter, Vorbesitzern und jetziger Besitzerin verloren gegangen. Dass sie Trakehner Blut führt, daran lässt ihre ganze Erscheinung nicht den geringsten Zweifel. Dass sie mit viel vollblütigem Einfluss gezogen ist, ist wohl auch eindeutig. Burgfräulein und Judy Reynolds jedenfalls geben ein äußerst elegantes Bild im Dressurviereck ab. Es muss also nicht unbedingt ein kalibriger Warmblüter sein, der „die Lichter in der Halle austritt“. Adel und Leichtfüßigkeit vermögen nach wie vor Fachleute und Laien zu begeistern ...
Rathbawn Valet ist ein reingezogener Trakehner, er nennt nicht nur eines der berühmtesten Trakehnergestüte der Welt, nämlich das russische Gestüt Kirow, seine Zuchtstätte, er kann sich auch eines erlesenen Pedigrees rühmen. Sein Vater Egoist zählt zu den besten Vertretern des auf den Trakehner Hauptbeschäler Pilger zurückgehenden Hengststamms. Ostrjak, im Rennsport und der Zucht hochbewährt, führte den Titel eines Elitehengstes, unter seinen Söhnen haben Egoist, Eol – als Großvater von Biotop, Heops und Verdenas derzeit in aller Munde – und der Olympionike Topki Weltgeltung erlangt. Egoist selbst stand einige Jahre als Leihhengst in Kölsa und hinterließ der ostdeutschen Trakehnerzucht wertvolle Töchter, darunter Achtsame, die Mutter des S-Springpferdes Allenstein und des aktuell beim Trakehner Bundesturnier erfolgreichen Austerlitz.
Über den Vater von Valets Mutter Vecha, den 1973 geborenen Braunen Hockey, noch Erklärungen anzufügen, hieße wohl Eulen nach Athen zu tragen. Zu dominant hat sich der Sohn des Arabers Pomeranets ox in der internationalen Zucht durchgesetzt – hier sei nur kurz an einige der in Deutschland zu züchterischen und sportlichen Meriten gekommenen Pferde erinnert: Elmar Gundels Springer Almox Prints J (v. Hockey u.d. Pawana v. Welt), Ulla Salzgebers langjährigen Erfolgshengst Perechlest (v. Hockey u.d. Pepela v. Papirus), an den Publikumsliebling der Körung 2003, Lowelas (v. Hockey u.d. Lugowen v. Inster Graditz), an Dr. Rainer Klimkes letztes Weltklassedressurpferd Biotop (v. Blesk u.d. Plaska v. Hockey) und an den mit über 40 S-Platzierungen hocherfolgreichen Springhengst Long Deal (v. Alarm u.d. Prjaha v. Hockey). Insgesamt 40 Grand-Prix-Pferde im Springen und in der Dressur hat Hockey der Welt hinterlassen. Der Hengst ist Repräsentant des „Russischen Erfolgsrezepts“, immer wieder leistungsstarke Arabergene einzukreuzen. Hockeys Mutter Haza ist über ihren Sohn Herson v. Eol auch Großmutter des internationalen Springhengstes Heops.
Valet war als junges Pferd mit seiner russischen Besitzerin nach Italien übergesiedelt. Sie und später Elena Sidneeva sorgten für seine Grundausbildung, bevor er für kurze Zeit in den Handelsstall Moksel und von dort aus an Claudia Porsche ging. Die "russische" Grundausbildung merkte man Valet auch dreieinhalb Jahre später noch an. "Er war ganz anders zu reiten als ein in Deutschland ausgebildetes Pferd", berichtet Judy Reynolds. Claudia Porsche und Valet fanden keinen rechten Draht zueinander – und Judy ergriff die Kaufgelegenheit.
"Valet ist ein sehr introvertiertes Pferd, und er schien im Anfang nichts anderes als Dressurarbeit zu kennen", schildert Judy ihren Sportpartner. "Wie alle russischen Pferde, die ich bis jetzt kennen gelernt habe, brauchte er lange, um Vertrauen zu fassen. Auch Buffy (Burgfräulein) ist ein richtiges Ein-Frau-Pferd." Valet wirkt überhaupt nicht nervös, und doch setzt er sich selbst ungemein unter Spannung. Inzwischen hat Judy gelernt, seine winzigen Zeichen zu erkennen und richtig zu deuten. Zu allen großen Turnieren fährt sie mit einem Tag Vorlauf los. "Er braucht den einen Tag ganz ruhige Bewegung, um alle neuen Eindrücke aufnehmen und verarbeiten zu können", sagt sie.
Gisela Holstein schildert Judy als sehr lernbegierige und ehrgeizige Schülerin. „Was mich faszinierte“, so Judy, „war die Tatsache, dass ein Pferd eine kleine Körperbewegung von mir als Hilfe versteht, sich in die entsprechende Richtung bewegt und sich aufnimmt.“ Dass sie noch viel zu lernen hat, weiß sie – und deshalb ist das eigentlich für ein Jahr ausgehandelte Trainingsarrangement bei Anna Merveldt auch schon um Jahre verlängert. Mit offenem Ende? Sie weiß es noch nicht, vorläufig versucht sie in akribischer Trainingsarbeit ihrem Traum näher zu kommen. Und der lautet: Irland bei Olympischen Spielen zu vertreten.
Der erste ganz große Meilenstein auf diesem Weg waren die Weltreiterspiele in Aachen. Judy Reynolds hatte ihren russischen Trakehner auf den Punkt fit, holte sich bei den letzten Turnieren in Bayern, Österreich und Italien Punktsummen um die 66%. Da kam es für alle wie ein Schock, als Judy kurz vor der Dressurgala Heroldsberg ins Krankenhaus eingeliefert werden musste – in einer Notoperation wurde ihr der Blinddarm entfernt. Aachen schien in weite Ferne gerückt ... Doch, wie gesagt, Judy weiß, was sie will – und die Zähne zusammenbeißen kann die 25-Jährige sehr wohl. Mit Hilfe von Sebastian Salzgeber setzte sie alle Hebel in Bewegung, um rechtzeitig wieder fit zu werden – knappe zweieinhalb Wochen später, am Montag in Aachen, entschied sie zu reiten. Klar machen solche Handicaps es einem so jungen Team in der besonderen Atmosphäre einer Weltmeisterschaft noch schwerer, natürlich fühlte sich Judys Reiten für Valet nicht wie immer an, selbstverständlich merkt Judy einem sensiblen Pferd auch an, dass sie über zwei Wochen nicht oben gesessen ist – aber es war eine grundsolide Vorstellung, ein 71. Platz in der gesamten Weltspitze. Respekt! Und nach der Weltmeisterschaft ist – wie die Fußballer sagen – vor den Olympischen Spielen. Judy ist 25 und Valet gerade mal 12, da ist noch viel drin ... |