Mütter und Töchter: Dr. Annette Wyrwoll und tochter Stephanie präsentieren im März 2006 Fantastic Dream xx mit Stutfohlen v. Heops. Foto: Dr. Ralph Kuhlemann

In Mutters Fußstapfen: Stephanie Wyrwoll sitzt - ziemlich erfolgreich - im Sattel von Lacorna, SLP-Siegerin und hauseigenes Zuchtprodukt. Foto: Jutta Bauernschmitt
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Die Liebe zum Trakehner hatte sie schon früh – in ihrer Jugendzeit in den sechziger Jahren gab es halt im Nassauischen kaum eine Alternative zu den Elchschaufelträgern, wenn man sportlich reiten wollte. Hier stand vielleicht nicht die „Erste Garde“ der deutschen Trakehnerhengste, aber ordentliche Gebrauchspferde züchten konnten die Rheinland-Pfälzer sehr wohl. Annette Wyrwoll ist im Reiterverein Neuwied und Umgebung, dem späteren Landesleistungszentrum, durch eine harte Schule gegangen. Und die beschränkte sich nicht auf die reiterliche Ausbildung, sondern hat sie auch Horsemanship vom Feinsten gelehrt. Die Grundlage hält bis heute, denn ohne das wäre sie wohl nie in der Lage gewesen, ein Pferd wie Bantry Bay so lange erfolgreich im Sport zu halten.
Annette Wyrwoll ging Schritt für Schritt einen zielstrebigen Weg zum internationalen Erfolg in der Vielseitigkeit. Ehrgeizig genug, um auch die ganz großen Herausforderungen ins Auge zu fassen, aber realistisch genug, um die Leistungsfähigkeit ihres Pferdes richtig einzuschätzen. Mit dem Iren Bantry Bay hatte sie dann das Pferd ihres Lebens gefunden, mit dem sie sich im Alter von 45 Jahren für einen Start bei Olympia qualifizierte – der persönliche Affront in Sydney wurde wettgemacht durch den sportlichen Erfolg, den sie sich als beste deutsche Starterin im Einzel ans Revers heften konnte.
Gute 20 Pferde stehen heute auf dem Neuhof in Duggendorf bei Regensburg; neben den Zuchtstuten die Reitpferde der Familie, einige Einsteller, ein paar Boxen sind für Klinikpatienten reserviert. Das Junggemüse lebt in gesunden Offenställen mit Auslauf – und im Frischluft-Appartment mit Garten stehen die beiden „alten Kämpen“ Bantry Bay und Dingle Dancer, beide über 20 Jahre alt und noch immer topfit. Nach ihrer erfolgreichen Sportkarriere haben die beiden Tochter Stephanie und dem Lebensgefährten von Annette Wyrwoll noch erste Vielseitigkeits-Erfahrungen vermittelt; beide werden heute noch regelmäßig gearbeitet – wenn ihm danach ist, piaffiert „Benni“ (Bantry Bay) durchaus noch an der erfahrenen Hand von Ausbilder Eberhard Weiss.
Anfang der neunziger Jahre begann Annette Wyrwoll zu züchten, Stammstute war die Vollblüterin La Native xx, die ihr sechs Fohlen brachte. Die ersten Fohlen trugen noch den Bayernbrand, aber „das Vollblut“, meint sie, „passt doch besser zum Trakehner.“ Bald folgte Ritzy Pitzy xx. Sie war eine Vollschwester von Ingrid Klimkes Sleep Late, der ja auch von Annette Wyrwoll entdeckt wurde. Ihr Sohn Ricordiamo v. Cornus, 2003 qualifiziert fürs Bundeschampionat, ist heute Masterpferd auf Herrenchiemsee – und dürfte das wohl meistfotografierte Jagdpferd Bayerns sein. Später kam die Schimmelstute Wetterhexe dazu, auch qualifiziert fürs Bundeschampionat (2004). Die Intervall xx-Tochter aus der Zucht von Franz Hörmiller – von dessen Zuchtprodukten sie übrigens sehr viel hält – bewährt sich derzeit unter Aikje Fehl, einer Freundin der Familie, im Sport.
Zwei Fohlen sind es in der Regel im Jahr, die das Licht der Welt in der Oberpfalz erblicken – und die sind in diesem Jahr schon da! Fantastic Dream xx, die im vergangenen Jahr Bayerns bestbewertetes Hengstfohlen stellte (v. Herzruf) führt in diesem Jahr eine kräftige Tochter des russischen Springvererbers Heops bei Fuß. Rarita xx, deren letztjähriges Houston-Fohlen die Züchterin mit Interesse beobachtet, fohlte dieses Jahr eine hochbeinige, elegante Tochter von Herzruf. Fantastic Dream xx ist eine Tochter des in England vor allem bei Vielseitigkeitsreitern hochgeschätzten Vererbers Master Speaker xx, aus dessen Familie u.a. Ginny Lengs Erfolgspferd Master Craftsman hervorgeht. „Interessant an der Stute“, so Annette Wyrwoll, „ist natürlich Dschingis Khan als Muttervater, der ja vor allem über Tamerlane xx für die Warmblutzucht herausragende Beschäler lieferte.“ Rarita xx, auf der Bahn bis zu ihrem siebten Lebensjahr hart geprüft, ist eine Lagunas-Tochter aus einer Vollschwester zu Roncalli xx und aus naher Verwandtschaft zu Ridwan xx. „Für Vollblüter haben beide Stuten unheimlich gute Bewegungen“, lobt Annette Wyrwoll. In diesem Jahr werden die beiden Stuten von Parforce und von Cornus belegt. „Hier in Bayern stehen gute Trakehnerhengste“, meint die Gestütschefin, „da muss man nicht unbedingt immer auf andere zurückgreifen und den bayerischen Hengsthaltern in den Rücken fallen.“
Die Stuten aus eigener Zucht werden erst einmal gedeckt und gehen dann in den Sport. Ihre Bewährung dort entscheidet darüber, ob sie später in die Zucht des Neuhofs eingestellt oder verkauft werden. Genau diese Karriere hat auch Lacorna hinter sich, La Natives letzte Tochter v. Cornus. Vierjährig hatte sie ein Stutfohlen v. Herzkristall, fünfjährig absolvierte sie – mit Bravour als Siegerin – ihre Stutenleistungsprüfung in Kreuth, und jetzt wird sie von Stephanie Wyrwoll im Sport vorgestellt.
Da blieb es nicht aus, dass Dr. Lutz Schubert, seinerzeit für Sportfragen im Zuchtbezirk Bayern zuständig, und Dr. Friedrich Nüssel, sportorientierter Züchter aus dem Fränkischen, um die Unterstützung von Dr. Annette Wyrwoll für den bayerischen Zuchtbezirk warben. Solange sie noch selbst im Großen Sport ritt, ernteten die Herren von der energischen Tierärztin stets einen Korb. Nach Sydney aber zahlte sich ihre Beharrlichkeit aus: Annette Wyrwoll ließ sich von den bayerischen Trakehnerzüchtern zur Delegierten wählen und bringt seither Wissen, Erfahrung und Können zum Vorteil der bayerischen Trakehner ein. Auch die Verbandsoberen in Neumünster wollten sich das Knowhow der internationalen Reiterin zunutze machen: Als der Platz von Petra Wilm in der Sportkommission frei wurde, rückte die Wahlbayerin nach – und hat seither schon Einiges bewirken können. Mit ihrer offenen Art und den Kontakten, die sie aus der Sportreiterei und durch ihre Klinik hat, öffnet sie so manche Tür, die ansonsten für die Trakehner wohl geschlossen bliebe – in diesem Sinne ein gutes Beispiel für die ideale Symbiose zwischen Zucht und Sport!
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